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Dieses Thema hat 1 Antworten
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 International und Champions League
superwotan Offline

Erleuchteter

Beiträge: 1.206

31.12.2006 11:31
WM 2010 - Noch Sport oder nur noch Politik Antworten

ich bin wirklich mal gespannt, ob die wm in südafrika wirklich stattfindet, jedenfalls bleibt es spannend auch wenn der fußball wohl irgendwie nur noch am rande eine rolle spielt...

Dezember 2006, ein warmer Sommerabend in Green Point, Kapstadt. Ich, der BamS-Reporter, stehe auf einem Golfplatz. Eine Entenfamilie schnattert, ein dicker Mann in karierten Hosen sucht fluchend seinen Ball. Genau hier könnte uns Klose ins Finale schießen. Genau hier soll 2010 ein WM-Stadion stehen, 70 000 Plätze, groß wie ein 18-stöckiges Hochhaus. Zu sehen ist davon, 1258 Tage vor dem Anpfiff: Nichts.

Und ob hier jemals Fußball gespielt wird, das steht längst nicht fest. Seit Monaten wird um das Stadion gestritten, jeder will mitreden, keiner hat etwas zu sagen. Die Bürgermeisterin. Der Premierminister. Der Sportminister. Das OK. Die Fifa. Und ein Anwalt, der das Stadion verhindern könnte.

1258 Tage. So viel Zeit bleibt Südafrika, um fünf WM-taugliche Stadien aus dem Boden zu stampfen, fünf weitere umzurüsten.

Kein Problem, versichert OK-Chef Danny Jordaan, man sei in den Planungen weiter als Deutschland zum gleichen Zeitpunkt – auch wenn noch kaum ein Stein auf dem anderen steht. Ein überraschender Vergleich: Denn 1258 Tage vor der WM 2006 wurde in sieben deutschen Stadien gebaut, Schalke und Hamburg waren fertig.

Südafrika läuft die Zeit davon. Und Kapstadt ganz besonders. Schuld ist eine Posse in (bisher) vier Akten.

Erster Akt: Die Entscheidung

Anfang November 2006 beschloss die Stadt: Wir bauen ein neues Stadion im Green Point Common, einer 85 Hektar großen Grünanlage mit 9-Loch-Golfplatz und Rugbyfeldern, malerisch zwischen Bergen und Meer gelegen. 280 Millionen Euro kostet das Projekt. „Wir wollen ein Halbfinale“, erklärt Pieter Cronjé (57), als Sprecher der Stadt zuständig für „Twenty Ten“. „Dafür brauchen wir laut Fifa-Richtlinien 68 000 Plätze. Die alten Stadien sind dafür zu klein.“ Es gibt ein Gerücht: Bei einem Helikopter-Rundflug über Kapstadt soll Fifa-Chef Blatter 2005 auf Green Point gedeutet und gesagt haben: „Hier will ich das Stadion.“ Cronjé erwähnt es nicht.

Zweiter Akt: Die Opposition

David Polovin, Anwalt, randlose Brille, sitzt in einer Bar in der Innenstadt und trinkt entkoffeinierten Kaffee. „Verstehen Sie mich nicht falsch“, sagt er, „ich habe nichts gegen die WM.“ Aber eben nicht in Green Point. Polovin ist Sprecher einer Anwohnergemeinschaft, die gegen den Stadionbau Einspruch eingelegt hat. „Das hier ist nicht Deutschland. Kapstadt ist keine Fußballstadt. Ein Stadion mit 70 000 Plätzen bekommen wir nicht voll.“ Seine Rechnung: „Für ein WM-Halbfinale sollen 280 Millionen Euro ausgegeben werden. Für 90 Minuten Fußball! Wir könnten das Geld anderswo weit besser gebrauchen.“ Sein Vorschlag: „Ein Umbau des Stadions in Newlands würde nur 55 Millionen Euro kosten.“ Das Stadion hätte maximal 55 000 Sitze. „Ein Viertelfinale wäre auch kein Beinbruch“, sagt Polovin. Die Umweltministerin prüft den Einspruch. „Wenn er abgelehnt wird, ziehen wir vielleicht vor Gericht.“ Polovin will den Bau auf dem Golfplatz verhindern, wenn die Stadt nicht schriftlich garantiert, dass der Rest der Grünanlage erhalten bleibt.

Fußball ist in Südafrika der Sport der Schwarzen. Green Point ist ein reicher, weißer Stadtteil. Es gibt ein Gerücht: Die Anwohner wollen nicht, dass tausende Schwarze in ihren Stadtteil pilgern, um die lokalen Fußballklubs Ajax und Santos anzufeuern. Polovin erwähnt es nicht.

Dritter Akt: Die Drohung

Während die Umweltministerin noch prüft, wird es dem OK zu bunt. Der lokale OK-Chef droht: Wenn die Anwohner gegen die Entscheidung vor Gericht ziehen, könne sich Kapstadt „von der WM verabschieden“. Tumi Makgabo, Sprecherin von OK-Chef Danny Jordaan, sieht es ähnlich: „Die Stadien müssen 2009 fertig sein. Wir können nicht ewig mit dem Baubeginn warten. Wir können auch in neun Stadien spielen.“ Eine WM ohne Kapstadt? Das wäre so, als hätte man die WM 2006 ohne Berlin ausgetragen: ohne Tourismus-Magnet, Kultur-Hauptstadt, Party-Zentrale.

David Polovin schäumt vor Wut. „Wir lassen uns nicht drohen. Südafrika ist eine Demokratie. Wir nehmen nur unser Recht als Bürger wahr.“ Ein Teil seiner Leute fordert: Brich die Verhandlungen mit der Stadt ab.

Letzter Akt?

Vielleicht machen sich alle Beteiligten ein paar gute Vorsätze fürs neue Jahr. Mehr miteinander, weniger übereinander reden zum Beispiel. Erste Zeichen: Helen Zille, die Bürgermeisterin von Kapstadt, führt Gespräche mit den Anwohnern, will deren Bedenken zerstreuen. Die Umweltministerin will sich Anfang Januar entscheiden. Dann könnten Bagger rollen.

In Kapstadt sprechen sie schon von Akkordarbeit.
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"Wenn einer nen dicken Haufen legt, dann kann ich nicht sagen: Mhhmm, das ist ja mal lecker Schoko-Pudding!"

Bernd Offline

Erleuchteter


Beiträge: 1.794

31.12.2006 12:29
#2 RE: WM 2010 - Noch Sport oder nur noch Politik Antworten

Zitat von superwotan
ich bin wirklich mal gespannt, ob die wm in südafrika wirklich stattfindet, jedenfalls bleibt es spannend auch wenn der fußball wohl irgendwie nur noch am rande eine rolle spielt...


Fußball als Randerscheinung. Das ist bei uns doch längst schon so. Echte Fans waren auch bei der WM 2006 im Stadion nicht mehr vorgesehen. Fußball ist zwar auch irgendwo "passiert", aber das Hauptthema war doch Kommerz. Prima fand ich in dem Zusammenhang, dass das schweinische, weil hosenlose, Maskottchen mit dem unmöglichen Namen, ein totaler Flop war.

Ich kann mich auch erinnern, dass die Stadien in Italien zur WM 1990 aufgepeppt wurden und dass es damals ein Stadion in Mailand (San Siro oder Giuseppe Meazza) gab, wo man auf einigen Plätzen aus Gründen baulicher Fehlplanung nicht das komplette Spielfeld sehen konnte. Das nenne ich auch mal eine Leistung. Da wird es doch auch nicht stören, wenn Zuschauer in vier Jahren in unfertigen Bruchbuden sitzen. Hauptsache ist doch für alle Organisatoren, dass die Zuschauer konsumieren bis der Arzt kommt.

Von daher lautet meine Antwort auf die Frage "Noch Sport oder nur noch Politik": Eine Prise Sport, ein bisschen Politik und dann tu mal orntlich wat von dem Kommerz dabei - fertig ist die WM 2010.

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Die Wirklichkeit ist ein Messer ohne Klinge, an dem der Griff fehlt.

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